In
der Stadt bildete sich das Handwerkerwesen zu seiner vollen Blüte
aus. Die einzelnen Handwerker der einzelnen Berufssparten schlossen sich
- ähnlich den Kaufleuten - aus religiösen und gesellschaftlichen
Gründen zu Zünften (Vereinigungen) zusammen. Sie lebten von den
Aufträgen der weltlichen und geistlichen Stadtherren, der zahlreichen
Klöster, der adligen Grundherren, der Bauern und vor allem der reichen
Patrizier.
Die
Zünfte sollten in erster Linie auf das religiöse und gesellige
Leben ausgerichtete Gemeinschaften sein. Neue Aufgaben kamen hinzu: Der
Stadtherr übertrug ihnen die Kontrolle über die Qualität
der angefertigten Waren und die Höhe der Preise; die Zunftmitglieder
sahen darin die Möglichkeit, sich gegen Wettbewerb von außen
zu schützen und die handwerklichen Fertigkeiten zu steigern. Die Folge
war, daß sich das Handwerk auf dem Lande, wo es keine Zünfte
gab, und in der Stadt auseinanderentwickelten.
In
der Zunft fanden sich Handwerker eines Berufes zusammen, z.B. in der Bäcker-,
Metzger-, Leineweber-, Goldschmiede- oder Gerberzunft. Es gab sogar reine
Frauenzünfte. Bedingt durch den hohen Ausfall an Männern (durch
Kriege, Heiratsverbot der Geistlichen, späte Heiratsmöglichkeiten
der Handwerker durch Zunftverbot), herrschte im Mittelalter ein Frauenüberschuß
vor. In Köln konnten Frauen Mitglieder im Zunftwesen für Textilgewerbe
werden, diese Zunft blieb den Frauen vorbehalten. Meistens wurden die Frauen
aber in den Männerzünften aufgenommen. Hier wurden dann aber
auch keine Unterschiede gemacht: Wehrdienst, Wachdienst, schwere körperliche
Arbeit wurde auch von den Frauen verlangt. Die finanzielle Not trieb die
Frauen aber dazu, Handwerkertätigkeiten aufzunehmen.
Sie
wohnten in bestimmten Straßen und Gassen, wo auch das Zunfthaus stand,
das vom wachsenden Wohlstand der Handwerker zeugte. Hier fanden frohe Feste,
aber auch harte Debatten über Preise oder Löhne für die
Gesellen statt, über den gemeinsamen Einkauf von Rohstoffen, über
das Verbot, auf Vorrat zu arbeiten, große Warenlager anzulegen und
auf die Dauer die Preise zu drücken. Man sprach auch über das
Wohl und Wehe der Stadt, denn die Zünfte waren verpflichtet, den zugewiesenen
Teil der Stadtmauer zu unterhalten und im Kriegsfall zu verteidigen. Nur
Meister konnten Mitglied der Zünfte sein. Um sich keine unliebsamen
Konkurrenten zu schaffen, wurde die Zahl der Zunftmitglieder bewußt
kleingehalten.
Vom Lehrbub zum Meister
Die
Zünfte regelten auch die Ausbildung der Lehrlinge und die Dauer der
Lehrzeit, die zwei bis vier Jahre währte. Der Lehrling wohnte - wie
der Geselle auch - in der Familie des Meisters. Ein sauber angefertigtes
Gesellenstück, zur Prüfung vorgelegt, beendete die Lehrzeit.
Vor der versammelten Zunft seines Gewerbes sprach der Zunftmeister ihn
"frei". Dann ging der frischgebackene Geselle auf die Wanderschaft; meist
blieb er mehrere Jahre aus und kam in dieser Zeit nicht selten in fremde
Länder, um auch dort seine Handwerkskünste zu verbessern. Ziel
eines jeden Gesellen war es, auch eines Tages Meister zu werden. Weil die
Zünfte aber nur eine beschränkte Zahl von Meistern zuließen,
ging der Weg oft nur über die Heirat einer "ehrlichen" Meisterstochter.
Auch
Frauen konnten Handwerksmeisterinnen werden, meist als Schneiderinnen oder
Weberinnen. In manchen Zünften durften sie nach dem Tode ihres Mannes
auch den Meisterbetrieb fortführen. Auch hier bot sich für manchen
Gesellen die Möglichkeit, in einen Meisterbetrieb einzuheiraten und
selbst Meister zu werden.
Ordnung des zur Schmiedezunft gehörigen Schleiferhandwerks,
Ulm 1623
Will ein Junge das Schleiferhandwerk erlernen, soll er nicht weniger als
vier Jahre lernen und, sobald er ausgelernt hat, zum Gesellen gemacht werden.
Wer als Lehrling ausgelernt hat, soll bei seinem Lehrmeister noch ein Jahr
arbeiten oder gleich hinausziehen, wandern und vor Ablauf eines Jahres
bei keinem hiesigen Meister Arbeit aufnehmen.
Will sich ein Geselle des Schleiferhandwerks auf Wanderschaft begeben,
soll ihm vom jeweiligen Meister ein schriftlicher Nachweis seines ehrlichen
und redlichen Verhaltens gegeben werden.
Die Schleifer sollen zum Unterhalt der Kranken und Gebrechlichen eine besondere
Kasse einrichten.
Sollte es geschehen, daß ein Geselle des Schleiferhandwerks hier
Meister werden will, soll er nicht eher zugelassen werden, ehe er nicht
ein Meisterstück, wie es ihm von der Schleiferzunft aufgetragen wird,
gemacht und die Prüfung damit bestanden hat.
Es soll kein Meister einem anderen einen Gesellen abwerben; tut er dies,
soll er in jedem Fall mit je einem Gulden bestraft werden, wovon dem ehrsamen
Rat die eine und die andere Hälfte dem betroffenen Schleifer gehören
soll.
Neue Handwerkszweige
Mit
den Städten hat sich das Handwerk entwickelt. Die Erzeugnisse sind
immer feiner, immer vielfältiger geworden. Aus dem Orient übernahmen
die Weber den Horizontalwebstuhl, der mit Pedalen bedient wird. Mit dem
Spinnrad, das erstmals 1298 erwähnt ist, konnte man die Schafwolle
rascher zu Fäden verarbeiten. Die Färber lernten, Stoffe mit
immer kostbareren Farben einzufärben. Das Herstellungsrezept wurde
sorgfältig bewahrt. Die Messing-, Bronze- und Zinngießer stellten
Tafelgeschirr für den Haushalt von Adel, Geistlichkeit und vornehmen
Bürgern her; Gold- und Silberschmiede fertigten Schmuck für geistliche
und weltliche Kunden. So entstand ein hochentwickeltes Kunstgewerbe. Die
Messer- und Waffenschmiede verkauften gut. Jeder Ritter brauchte sein eigenes
Panzerhemd, seinen Helm mit Visier und zahlreiche Waffen. Mit der Erfindung
des Schießpulvers (vor 1300) kamen "Feuerbüchsen" und schwere
Kanonen auf, also auch weitere Handwerksberufe. In den großen Städten
konnten sich die Handwerker immer mehr spezialisieren. Ein Nürnberger
Handwerkerverzeichnis von 1363 zählt 1217 Meister in 50 verschiedenen
Berufsgruppen auf.
Der
wachsende Bedarf und die zunehmende Spezialisierung haben den Aufstieg
des Handwerks gefördert. Später schlossen die Zünfte sich
allerdings ab und sperrten sich gegen weitere Neuerungen.
Zunftmeister gegen Patrizier
Es
gab mehr Handwerker als Kaufleute, und ihr Anteil am Steueraufkommen der
Stadt war groß; sie festigten den guten Ruf der heimischen Erzeugnisse
auf den großen Weltmärkten wie Venedig, Genua, Brügge,
Gent, Lübeck oder London. Dennoch blieben sie lange von der Stadtregierung
ausgeschlossen. Sie gehörten ja nicht zur städtischen Oberschicht.
Im 13. und 14. Jh. lehnten die Zünfte sich dagegen auf, z.B. in Köln,
Frankfurt, Zürich, Ulm, Augsburg. Die Zunftkämpfe endeten fast
immer mit einem Vergleich: Die Hälfte oder mehr Handwerker saßen
neben den Patriziern auf den Bänken des inneren Rates, dem wichtigsten
Gremium der städtischen Selbstverwaltung, aus dem meist auch die Bürgermeister
hervorgingen. Der äußere Rat nahm demgegenüber nur untergeordnete
Aufgaben wahr und besaß auch keine Entscheidungsbefugnisse. Allerdings
galten nicht alle Zünfte untereinander als ratsfähig, nur die
angeseheneren Zünfte waren im Rat vertreten.
Zunftwappen
Bäcker
Barbiere
Bierbrauer
Fischer
Gerber
Hutmacher
Metzger
Müller
Sattler
Schneider
Schumacher
Weber
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