Mit
dem Aufschwung der Städte im 12./13. Jh. entfaltete sich der Handel
in Europa und über seine Grenzen hinaus. Vorreiter waren die oberitalienischen
Städte. Die Hanse beherrschte den Handel in Nordeuropa zwischen England
und Rußland. Während die Kaufleute anfangs selbst mir ihren
Waren umherzogen, leiteten sie seit dem 14. Jh. die Geschäfte vom
heimischen Kontor.
Ursprung der Händler
Die
frühmittelalterlichen Wanderhändler kamen in eigenen Handelsplätzen
(Wiken wie Quentowik oder Haithabu) oder in ehemaligen Römerstädten
zu bestimmten Marktzeiten zusammen und handelten mit Luxusgütern (Seide,
Gewürze, Bernstein) und Sklaven. Mit dem Entstehen neuer Städte
wurden sie allmählich seßhaft und entwickelten sich zu einer
eigenen Fernhändlerschicht, die sich zwecks Risikobegrenzung zu Hansen
oder Anteilsgesellschaften verband. Aufgrund der Nachfrage, erhöhter
Produktion und verbesserter Transportmöglichkeiten wurden im Spätmittelalter
auch Massengüter gehandelt, einheimische Waren exportiert und Rohstoffe
für das städtische Gewerbe beschafft. Kirche und Adel blieben
derartige nichtagrarische Tätigkeiten fremd, sie erschwerten den Handel
durch das kirchliche Zinsverbot, Zölle und andere Auflagen, die ihnen
selbst jedoch hohe Einnahmen brachten. Dagegen schlossen sich die Städte
in Städtebünden zusammen. Schriftlichkeit (Buchführung)
und die Übernahme oberitalienischer Handels- und Finanztechniken ermöglichten
es den Kaufleuten, Geschäfte über Zweigniederlassungen und Vertreter
abzuwickeln.
Das europäische Verkehrsnetz im Mittelalter
Die
großen Handelsstraßen gingen im Süden von Venedig aus;
über Wien, Brünn, Krakau nach Kiew, über Bozen, Brennerpaß,
Augsburg, Nürnberg nach Leipzig, über Mailand, Lyon, Troyes nach
Paris. Köln war Schnittpunkt der Straßen von Südfrankreich,
Basel, dem Rhein entlang bis Amsterdam und von Krakau über Breslau,
Leipzig nach Brügge. Ähnlich wichtige Kreuzungspunkte waren Frankfurt
und Nürnberg.
Zahlreiche
Straßen stammten noch aus der Römerzeit. Der Straßenzustand
war oft jämmerlich, obwohl sich die Landesherren oder Städte
bemühten, die Zugangs- und Durchgangsstraßen in Ordnung zu halten,
damit der Handelsverkehr nicht auf andere Verkehrsadern auswich. Dafür
durften sie dann Straßen-, Ein- und Ausfuhrzölle erheben. Den
Zöllen entgingen die Fernhändler auch auf den schiffbaren Flüssen
nicht. Allein zwischen Bamberg und Frankfurt passierte ein Mainboot 25
Zollstätten. Dennoch blieben die europäischen Flüsse - Garonne,
Loire, Rhône, Saône, Seine, Somme, Oise, Schelde, Maas, Rhein,
Donau, Main, Weser, Elbe, Oder, Weichsel - für den Handel wichtig.
Noch
wichtiger war der Seeweg. Von Lübeck nach Danzig brauchte man auf
dem Landweg 14 Tage, mit dem Schiff dagegen nur 4 Tage. Die Fahrtzeiten
verkürzten sich ganz beträchtlich, und gleichzeitig konnte ein
einziges Schiff bis zu Hunderten von Wagenladungen aufnehmen.
Im
späten Mittelalter waren Schiffe von mehreren hundert Registertonnen
nicht selten. Seit die Verwendung des Kompasses allgemein üblich geworden
war, wagte man auch den Schritt von der Küstenschiffahrt zur Überseeschiffahrt.
Vom frühen 14. Jh. an segelten italienische Schiffe, die früher
kaum je das Mittelmeerbecken verlassen hatten, regelmäßig nach
Nordeuropa, wobei sie Brügge, London, Southampton und andere Häfen
anliefen.
Wirtschaftliche Konkurrenz
In
hartem wirtschaftlichem Wettstreit teilten sich Italiener, Deutsche, Franzosen
und Holländer das europäische Wirtschaftsgebiet zwischen Afrika
und Skandinavien, Rußland und Frankreich. Transport und Versorgung
während der Kreuzzüge brachten besonders Venedig und Genua
den wirtschaftlichen Aufschwung; über zahlreiche Niederlassungen im
östlichen Mittelmeer und am Schwarzen Meer trieben sie selbst oder
über arabische Zwischenhändler Fernhandel bis nach Indien und
China. Zusammen mit den Binnenstädten (v.a. Mailand, Florenz und Bologna)
entwickelten sich die oberitalienischen Städte zur führenden
Handels- und Finanzregion. Als Konkurrenten ließen sie bestenfalls
die Franzosen gelten. So schlossen Genua und Marseille, die wichtigste
Hafenstadt Frankreichs am Mittelmeer, 1211 einen Vertrag, durch den sie
die Deutschen von der Mittelmeerfahrt ausschlossen.
Eine
im 13. Jh. entstandene Chronik "Die Wunder Mailands" hält fest: Es
gab dort 12 500 Häuser, 200 Kirchen, 10 Hospitäler, 300 Bäckereien,
440 Metzger, ca. 1000 Tavernen, 150 Herbergen, 80 Schmieden, 40 Buchschreiber.
Auf dem Markt habe es eine Vielfalt heimischer Früchte und eingeführter
Gewürze gegeben, aus denen man herrliche Eier- und Fleischspeisen
zubereiten konnte.
Von
jenseits der Alpen kamen die Fernhändler - Deutsche, Franzosen, Holländer
- und kauften in Venedig und Genua die Ware auf, die italienische Seeschiffe
aus den islamischen Ländern um das Mittelmeer, aus Griechenland und
den Schwarzmeergebieten herangebracht hatten. 1228 wird erstmals der Fondaco
dei Tedeschi in Venedig, ein Kauf- und Wohnhaus der Deutschen, genannt;
dort lagerten sie ihre Ware vor dem Weitertransport ein. Um sich auf den
langen, mühseligen und oft auch gefährlichen Wegen gegenseitig
zu schützen, zogen die Fernhändler meist in langen Trecks. Aus
solchen gemeinsamen Geschäftsfahrten entstanden die ersten Handelsgesellschaften,
in denen sich oft mehr als hundert Handelsherren zusammenschlossen. Neben
solchen Gesellschaften behaupteten sich aber auch Unternehmerfamilien wie
die Tucher (Nürnberg), Welser und Fugger (Augsburg), die Welthandel
trieben und außerdem teilweise als Finanziers von Kaisern und Königen
die Weltpolitik beeinflußten.
Gewerberegionen
Zur
wichtigsten Gewerberegion wurden Flandern und Brabant durch ihre Wolltuchproduktion.
Zwischen Oberitalien und Flandern lagen verkehrsgünstig die Messestädte
der Champagne. Sie entwickelten sich, geschützt durch die herrschenden
Grafen, im 13. Jh. zum zentralen europäischen Austauschplatz. Im 14.
Jh. stieg dann Brügge (seit dem 16. Jh. Antwerpen) zum europäischen
Handels- und Finanzzentrum auf: Hier wurden die Waren des Nordens (Getreide,
Fisch, Pelze), die Luxusgüter des Südens, Wein und Salz vermittelt,
finanziert und gehandelt. Verbunden mit dieser Region waren der Nord- und
Ostseehandel der Hanse. Im 15. und 16. Jh. entwickelte sich Oberdeutschland
(Nürnberg, Augsburg, Konstanz, Ulm) aufgrund der Gewinne aus dem Bergbau,
der Metall- und Textilproduktion und seiner günstigen Verkehrslage
zwischen Nord- und Südeuropa zu einem blühenden Wirtchafts- und
Handelsraum mit bedeutenden Fernhandelsfirmen wie der "Große[n] Ravensburger
Handelsgesellschaft" von 1380.
Märkte, Messen, Bankgeschäfte
Je
höher die Ansprüche der Verbraucher stiegen, desto wichtiger
wurden die Märkte. Das Zusammentreffen von Kaufleuten aus nah und
fern, aus dem In- und Ausland, machte eigene Handelsordnungen und -gesetze
erforderlich; die Messepolizei überwachte sie. Die Messebeamten überprüften
auch die Qualität der Waren, der Maße und Gewichte. Es gab schon
Qualitätssiegel.
Am
erfolgreichsten waren Geschäftsleute und Unternehmer in den italienischen
Städten, vor allem in Florenz und Venedig. Sie verstanden es, durch
den Tuchhandel zuerst reich und dadurch auch mächtig zu werden. Sie
kauften Wolle in England und unverarbeitete Tuche in Flandern, dann ließen
sie die Rohware in Florenz und anderen Städten weiterverarbeiten und
verkauften die veredelten Stoffe auf allen Märkten und Messen Europas
und bis in den Orient. Die Tuchhändler waren jedoch nicht auf den
Textilhandel spezialisiert, sondern handelten mit allem, was die Kundschaft
verlangte: Rohstoffe für die Handwerker, Fertigwaren und Luxusgüter
für die reicheren Leute. Zielstrebig vermehrten sie ihren Gewinn und
nutzten jeden Vorteil planmäßig aus. Bald hatten die italienischen
Unternehmer gelernt, daß mit dem Geldhandel noch mehr zu verdienen
ist als mit dem Warenhandel.
Die Hanse
Entstehung der Hanse
Im
Mittelmeerraum beherrschten italienische Fernkaufleute auf italienischen
Schiffen den Handel, in Nord- und Osteuropa erschlossen deutsche Händler
neue Märkte, sie besaßen zu Land und Wasser ein Handelsmonopol.
Mit neuartigen Schiffen, die man Koggen nannte - schnelle Segelschiffen
mit hoher Bordwand und sicherem Steuerruder -, konnten die Fahrtzeiten
verkürzt und die Ladung erhöht werden. Deshalb wurden seit dem
13. Jh. die meisten Waren zur See gehandelt. Die Koggen kreuzten zwischen
der flandrisch-niederdeutschen Küste und Dänemark, Norwegen,
Schweden, dem Deutschordensland und Rußland. Wie im Mittelmeer, so
waren auch hier die Schiffe durch Sturm und Seeräuber gefährdet,
und die Kaufleute fanden auf fremden Märkten manche Schwierigkeit,
die sie allein nicht bewältigt hätten.
Darum
schlossen sich die Kaufleute zusammen und gründeten Genossenschaften,
auch Hansen genannt. Der Zweck war, sich gegenseitig beizustehen,
auf fremden Märkten gemeinsam Münzen, Gewichte und Maße
festzulegen, gemeinsam die Handelsware anzubieten. Was in der Heimat selten
gelang, geschah in der Fremde: man überwand die Konkurrenzangst und
handelte nicht gegeneinander, sondern im Einvernehmen, indem man z.B. seine
Ware auf der gleichen Kogge verlud. So sparte man Geld und Leute und teilte
das Risiko mit Geschäftspartnern.
Der Städtebund der Hanse
Auch
in der Heimat stieg der Einfluß der Kaufleute, so daß sich
aufgrund der gemeinsamen Handelsinteressen ein Zusammenschluß der
Städte anbahnte. Aus den Hansen der Kaufleute entwickelte sich die
Hanse der Städte. Die Mitgliedschaft brachte große wirtschaftliche
Vorteile, denn man räumte sich gegenseitig Sonderrechte hinsichtlich
der Zölle, der Märkte, des Gewichts, der Waage und Münzen
ein. Man betrieb eine vorausschauende Wirtschaftspolitik und regelte Warenausfuhr
und Wareneinfuhr. Die Hanse war bald so stark geworden, daß sie sowohl
den deutschen Landesherren wie dem Ausland gegeüber eine bedeutende
Macht darstellte. Sie schloß Handelsverträge und entschied über
Krieg und Frieden, z.B. als der Bund der Hansestädte unter der Führung
Lübecks einen Krieg gegen den Dänenkönig führte.
Etwa
100 Städte hatten sich um 1400 in der Hanse zusammengeschlossen. Lübeck
hatte den Vorsitz; daneben spielte Köln eine bedeutende Rolle. In
unregelmäßigen Abständen versammelten sich die Mitglieder,
um wichtige Angelegenheiten zu besprechen und gemeinsame Beschlüsse
zu fassen. Wer solche Beschlüssse nicht einhielt, mußte mit
wirtschaftlichen Nachteilen und Strafen rechnen. Der Ausschluß aus
dem Hansebund ("verhansen") bedeutete für viele Städte den wirtschaftlichen
Niedergang.
Auslandsgeschäfte der Handelsgesellschaften
Deutsche
Kaufleute erlangten an wichtigen Handelsplätzen des Auslands das Recht
zur Anlage von Lager-, Stapel- und Verkaufshallen, sogenannten Kontoren.
Die Hansekontore lagen in London ("Stalhof"), in Bergen ("Deutsche Brücke"),
in Nowgorod ("Petershof") und in Brügge. Süddeutsche Kaufleute,
die sich in der "Großen Ravensburger Handelsgesellschaft" zusammengeschlossen
hatten, besaßen Niederlassungen u.a. in Mailand, Genua, Lyon, Valencia
und Antwerpen. In diesen Außenstellen legten die Kaufmannssöhne
ihre Bewährungsprobe ab, während die Väter das Geschäft
aus der Heimatstadt lenkten. Mit Hilfe einer genauen Buchführung behielten
sie den Überblick. Aus den "reisenden Kaufleuten" wurden allmählich
"schreibende Unternehmer".
In
Ravensburg übertrugen die Mitglieder der Handelsgesellschaft die Geschäftsführung
einem gewählten Gremium und kamen nur einmal im Jahr zur Hauptversammlung
zusammen, um sich vom Vorstand Rechenschaft ablegen zu lassen, Einnahmen
und Ausgaben zu prüfen und den Gewinn in Form von Dividenden zu verteilen.
Man achtete darauf, die Transportkosten niedrig zu halten, indem man dafür
sorgte, daß die Schiffe und Wagenzüge auf der Hin- wie auf der
Rückfahrt vollbeladen waren. Die Handelsgesellschaften belieferten
nicht nur den innerdeutschen Markt, sondern lieferten Waren z.B. von England
und Flandern nach Italien, Frankreich und Spanien sowie umgekehrt. Der
Gewinn war beträchtlich. Die Ravensburger Handelsgesellschaft errechnete
ihr Vermögen im Jahre 1497 auf 137 837 Gulden.
Die
Hanse machte ihr bestes Geschäft mit dem Fischhandel. In Schonen (Südschweden)
wurden jeweils ab Juli Tonnen von Heringen in die hansischen Koggen verladen.
Der Hering wurde in alle Teile Deutschlands verkauft, denn gesalzen hielt
er sich lange und war eine überall beliebte Fastenspeise.
Der Niedergang der Hanse
Der
Niedergang im 15. und 16. Jh. wurde durch englische und holländische
Konkurrenz, innerstädtische Unruhen und hansische Interessengegensätze,
durch die Gegnerschaft der Territorialherren, besonders aber durch die
Verlagerung des Handels zum Atlantik hin verursacht. Die Ravensburger Gesellschaft
löste sich 1530 auf, die Hanse mußte ihr Kontor in Nowgorod
1494 schließen, später auch diejenigen in Schweden und England.
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