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Die Gesellschaftsstruktur im Mittelalter

Sozialpyramide

Wesenszüge der mittelalterlichen Agrargesellschaft

Die meisten Menschen lebten und arbeiteten auf dem Lande. Die einfache Technik und die geringen Ertäge führten dazu, daß zunächst kaum mehr produziert werden konnte, als zur eigenen Versorgung benötigt wurde (Subsistenzwirtschaft). Der soziale und wirtschaftliche Mittelpunkt des einzelnen war die Familie, in der das männliche Oberhaupt umfassende Verfügungsgewalt besaß. Die weitgehende Abhängigkeit von der Natur bedrohte die Menschen; sie reagierten darauf mit Wertvorstellungen, die das Bestehende zu wahren suchten. Die Erfahrung immer gleicher Jahresrhythmen und weitgehend unveränderter Lebensbedingungen führte zur Betonung der Tradition. Die Herren übten die Herrschaft fast ohne Verwaltung, aufgrund persönlich gestalteter Abhängigkeitsverhältnisse aus.

Eine Dynamisierung erfuhr die Gesellschaft seit dem 11. und 12. Jh. durch den Aufschwung der Städte. Bevölkerungswachstum und die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität ermöglichten eine zunehmende Arbeitsteilung und Spezialisierung: Neben die Landwirtschaft trat jetzt das Handwerk und der Markt mit den Kaufleuten als Zentrum des Warenaustausches (arbeitsteilige Verkehrswirtschaft).
 

Gesellschaftsstruktur

Die Bauern bildeten die Mehrheit der Bevölkerung (80 bis 90%); sie waren mit wenigen Ausnahmen halbfrei oder unfrei, d.h. an den Boden gebunden und einem Herrn unterworfen. Von diesem erhielten sie gegen Abgaben und Dienste Land zur eigenen Bearbeitung. Der Grundherr übernahm, da es einen Staat im modernen Sinne nicht gab, dessen Funktionen (Schutz, Gericht, Hilfeleistungen). Bevölkerungswachstum, Siedlungsbewegung und Stadtentwicklung führten seit dem 11. und 12 Jh. zur Verbesserung der Lebensbedingungen und Rechtsstellung der Bauern, die nun überwiegend in Dörfern mit eigener Verwaltung lebten. Diese Aufschwungsphase endete im 14. Jh., als die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernährt werden konnte. Zusammen mit den Pestwellen reduzierte die Agrarkrise die Bevölkerung um ein Drittel. Sie brachte für viele Bauern eine Verschlechterung der Lebensbedingungen, was sich in einer zunehmenden Zahl von Unruhen äußerte.

Der Adel besetzte im gesamten Mittelalter die weltlichen und kirchlichen Führungspositionen. Als Besitzer großer Ländereien (Grundherren) verfügten die Adligen über die notwendige materielle Versorgung, um ihre Herrschaftsaufgaben in Krieg, Verwaltung und Gericht wahrzunehmen. Zusätzlich zum Eigenbesitz erhielten sie von König Land bzw. Rechte als Lehen, um auf dieser Grundlage bestimmte Reichsämter wahrzunehmen. In dieses Lehnssystem war bis zum 12. Jh. der gesamte Adel integriert; es entstand eine genau abgestufte Rangfolge, die Heerschildordnung: König - Hochadel - niederer Adel. Die ursprünglich unfreien Dienstmannen (Ministeriale) stiegen zum niederen Adel auf. Gemeinsames Ideal der Adligen war die ritterliche Lebensführung. In den Landesherrschaften (Territorien) des Hochadels entwickelten sich im Spätmittelalter die Ansätze zum modernen Flächenstaat.

Städte und Stadtbewohner gab es - abgesehen von den Resten der Römerstädte - erst seit der Aufschwungsphase des 11./12. Jahrhunderts. In einem allmählichen Emanzipationsprozeß erlangten die Stadtbewohner persönliche, wirtschaftliche und politische Freiheitsrechte. Diese Entwicklung war eng verknüpft mit der Entfaltung des Handels und Fernhandels, der gewerblichen Produktion für den Markt, der Entstehung der Stadtgemeinde und der städtischen Selbstverwaltung durch den Rat. Die Städte beeinflußten vielfältig die weitere Entwicklung: So orientierte sich die landwirtschaftliche Produktion zunehmend an den städtischen Bedürfnissen, die Geldwirtschaft löste vielfach die Naturalwirtschaft ab, eine eigene Stadtkultur entstand, städtische Verwaltung und Gerichtsbarkeit trugen zur Modernisierung der Landesherrschaften bei. Diese integrierten die meisten Städte (außer den Reichsstädten) in ihre Territorien und begrenzten damit deren Freiheiten.
 

Periodisierungsproblematik

Die Epoche des Mittelalters umfaßte den Zeitraum von ca. 500 bis ca. 1500. Der Begriff wurde von den Humanisten geprägt, die damit die "dunkle" Zeit zwischen der als Vorbild gesehenen Antike und der als neues Zeitalter empfundenen eigenen Epoche bezeichneten. Geht man jedoch von der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung aus, ergeben sich als Zäsuren eher das 11. Jh. (Stadtentwicklung, endgültige Herausbildung des Adels- und Bauernstandes) und das 19. Jh. (Ende der Agrargesellschaft). Diese Zeiteinteilung liegt dem Begriff Feudalismus (lat. feudum, Lehen) zugrunde, der das Lehnswesen und die Grundherrschaft als bestimmende Epochenstrukturen ansieht.
 

Stände und Randgruppen

Im frühen Mittelalter unterschied man nach dem persönlichen Rechtsstand zwischen Freien (Adel, Freibauern) und Unfreien, d.h. der Masse der abhängigen Bevölkerung. Neben diese durch die Geburt bestimmte Zweiteilung trat eine politische: die militärisch mächtigen Freien herrschten über die Masse der Schutzbedürftigen. Seit der Jahrtausendwende entwickelten Geistliche die Vorstellung einer Dreiteilung nach bestimmten, für die Gesellschaft notwendigen Funktionen: Der Klerus stellte durch das Gebet die Verbindung zu Gott her, der Adel beschützte aufgrund seiner militärischen Macht die Menschen, die Bauern erarbeiteten das zum Leben Notwendige für alle. Mit der Entstehung der Städte im Hochmittelalter entsprach dieses Schema immer weniger der Realität. Der Beruf wurde nun zum wichtigsten Prinzip der aufgefächerten Ständegesellschaft. Die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen war jedoch weniger von dieser Ständevorstellung geprägt, sondern von fest umrissenen, in sich gegliederten Gruppen, die gleichsam nebeneinander standen (z.B. Fronhofsverband, Dorfgemeinschaft, Zünfte).

Fahrendes VolkRandgruppen ließen sich anhand ihrer Mobilität oder ihrer Seßhaftigkeit unterscheiden. Als nichtseßhafte Gruppen galten z.B. Wanderbettler, entlassene Söldner, Akrobaten, Possenreißer, Spielleute und Zigeuner. In einer wenig mobilen und von festen Ordnungsvorstellungen geprägten Gesellschaft wurden diese "Unbehausten" abgelehnt. Zu den seßhaften bzw. stationären Randgruppen zählten z.B. Bettler, Aussätzige und die Angehörigen unehrlicher Berufe. Weil viele von ihnen für die Gesellschaft notwendig waren, wurden sie toleriert, wohnten jedoch abgesondert.

Als unehrliche Berufe galten verachtete Tätigkeiten, denen das gesellschaftliche Ansehen, die sogenannte Ehre, fehlte. Dazu zählten vermutlich wegen ekelerregender Arbeiten z.B. Abdecker, Totengräber, Henker, Bader (Chirurg), wegen einer ländlichen (also unfreien Herkunft) z.T. auch Müller und Weber, wegen vermeintlich unmoralischer Tätigkeiten auch Prostituierte und Gaukler.
 

Der Ausgrenzungsprozeß

Die Marginalisierung, d.h. der Prozeß der Ausgrenzung, setzte angebliches oder tatsächliches Anderssein (z.B. Mißbildung, Armut) oder abweichendes Verhalten von den geltenden Normen und Werten voraus. Indem die Gesellschaft mit unterschiedlichen Formen der Ab- bzw. Ausgrenzung reagierte, produzierte sie die Randgruppen. Solche Maßnahmen konnten die Verächtlichmachung sein, sie wurden gesteigert durch Stigmatisierung, d.h. Kennzeichnung durch Kleidung (bei Prostituierten) oder Abzeichen (Judenfleck, Bettlermarken). Durch eine erzwungene Absonderung entstanden Randgruppenquartiere (Judenghetto, Dirnenhäuser). Im Extremfall kam es zu Kriminalisierung, zu Vertreibungen und Pogromen. Marginalisierungsprozesse fanden verstärkt im Spätmittelalter statt. Sie sind als Reaktion auf Bedrohungsängste aufgrund der Pestwellen und wirtschaftlichen Krisen zu verstehen, in denen die Menschen Sündenböcke suchten.
 

Die Juden im Mittelalter

Der Jude im Mittelalter Die Juden lebten seit ihrer Vertreibung aus Palästina in der "Diaspora". Als Händler und Kaufleute kamen sie mit dem römischen Heer bis an die Grenzen des Römerreiches und blieben dort auch nach seinem Zusammenbruch. Die Frankenkönige nahmen die Juden, die wie andere Fernhändler als schutzlose Fremde galten, unter besonderen Königsschutz (wofür sie hohe Abgaben erhielten).

Mit dem Aufstieg der Städte wuchs die Bedeutung der Juden, die man seit dem 12. Jh. respektvoll als "kaiserliche Kammerknechte" bezeichnete. Sie hatten jedoch als Minderheit auch ihre Feinde. In der Mehrzahl der Städte waren die Juden jedoch als Mitbürger geduldet, wenn nicht sogar angesehen. Sie bildeten als Glaubensgemeinschaft eine eigene Gruppe in der Stadt (wie z.B. auch die Geistlichen), hatten ihren eigenen Wohnbezirk (da sie nur dort Häuser erwerben und bewohnen durften): Die "Judengasse" oder das "Judenviertel" (später als "Ghetto" bezeichnet), besaßen oft eine eigene Gerichtsbarkeit, eine eigene Schule und selbstverständlich ihre Synagoge. In deren Nähe entstanden oft weitere Einrichtungen für die Gemeinschaftsbedürfnisse der Judengemeinde: ein Friedhof, ein Hospiz, ein Tanz- und ein Badehaus, eine Bäckerei, wo das "ungesäuerte Brot" hergestellt wurde. Sie mußten sich durch Spitzhut und gelben Fleck kenntlich machen.

In vielen Städten - etwa in Köln, Prag, Wien oder Frankfurt - haben die Juden tatkräftig am wirtschaftlichen Aufstieg, am Handel und Ausbau der Stadt mitgewirkt und bedeutende Kunstwerke geschaffen. Nur: Von den Zünften der Handwerker und der städtischen Selbstverwaltung blieben sie ausgeschlossen; alle Berufszweige außer Geldgeschäften, Pfandleihe und Trödel waren ihnen verschlossen. Ihre Sonderstellung wurde den Juden dann zum Verhängnis, wenn in Krisenzeiten das Volk einen "Sündenbock" suchte. Sie galten als Verursacher der großen Pest, die auch in den Städten wütete. Ihre Tüchtigkeit als Geldverleiher durch Pfandgeschäfte zog den Zorn der Bevölkerung auf sich. Sie wurden als Wucherer (Wucher: Geldverleih gegen hohen Zins) beschimpft und wurden verfolgt, geächtet und getötet. Häufig war der Haß gegen die Juden vorgeschoben. Christen durften kein Geld verleihen, nach der Bibel war es ihnen verboten. Ihre gute Geschäftstätigkeit als Geldverleiher und Kaufleute und die damit verbundene Sonderstellung wurde den Juden während der Kreuzzüge und der Pest zum Verhängnis.  So wurden Juden beim Ausbruch der Kreuzzüge und während der Pestjahre in grausamer Weise verfolgt, ein Großteil von ihnen getötet. Schließlich haben zahlreiche deutsche Landesherren im Spätmittelalter ihre jüdischen Untertanen des Landes verwiesen, worauf sie größtenteils nach Polen auswanderten.
 

Gesellschaftliche Konflikte

Mit der Entstehung von Grundherrschaft und Fronhofsystem traten Herren und Bauern in ein enges Verhältnis wechselseitiger Pflichten und Leistungen (Schutz und Land gegen Abgaben und Dienste). Veränderungen in diesem Verhältnis konnten leicht zu Konflikten führen: So forderten Grundherren z.B. überhöhte Abgaben, die die Bauern verweigerten. Frondienste führten die Bauern nachlässig aus, weil z.B. gleichzeitig Arbeiten auf dem eigenen Acker anstanden. Die vom Grundherrn eingesetzten Verwalter (Meier) wirtschafteten - zum Nachteil für Herrn und Bauern - oft in die eigene Tasche. Wurden solche Konflikte nicht gütlich beigelegt oder zufriedenstellend im Hofgericht entschieden, konnte es zu weiterreichenden Protestaktionen der Bauern oder auch zu herrschaftlichen Zwangsmaßnahmen kommen. Bis in das 12. Jh. besaßen solche Konflikte meist lokalen Charakter. Über das Ausmaß und den Umfang dieser Auseinandersetzungen sind wir nur sehr lückenhaft unterrichtet, da die Bauern weder lesen noch schreiben konnten; die zeitgenössischen Quellen enthalten meist die Sichtweise der Herren.
 

Ländliche Konflikte

Im Spätmittelalter (14./15. Jh.) nahm die Zahl der Konflikte zwischen Herren und Bauern bis zum Bauernkrieg (1525) stetig zu, sie wurden radikaler und erfaßten größere Gebiete. Ungefähr 60 Revolten lassen sich im Deutschen Reich nachweisen; auch in Frankreich, Flandern und England gab es große Bauernaufstände. Die Ursachen waren vielfältiger Natur. Durch den Bevölkerungsrückgang nach der Großen Pest (ab 1348) fiel die Nachfrage nach dem Grundnahrungsmittel Getreide und damit auch dessen Preis. Die Einkommensverluste trafen zunächst besonders die Grundherren, darunter zahlreiche Klöster, da ihre gesamte Lebensführung von den Markterlösen abhing. Sie versuchten nun, mit höheren Forderungen an ihre Bauern einen Ausgleich zu schaffen. Diese waren durch die Entstehung der Dorfgemeinde selbständiger und selbstbewußter geworden; sie konnten zudem ihre Verweigerung gut mit dem "Alten Recht" begründen, das als Bestandteil der göttlichen Ordnung oft über Jahrhunderte das Verhältnis zwischen Herren und Bauern bestimmt hatte. Auch innerhalb der einzelnen Dorfgemeinden nahmen die Konflikte aufgrund des Anwachsens der benachteiligten ländlichen Unterschichten (Knechte, Mägde, Tagelöhne) zu. Darüber hinaus entstanden mit der Herausbildung der Landesherrschaften weitere Konflikte: Die spezifischen Formen des frühmodernen Staates mit Steuern, Gerichtsbarkeit und Verwaltung schränkten die gewachsenen Strukturen der Grundherrschaften und Dorfgemeinden (z.B. durch die Abschaffung des Dorfgerichts) massiv ein; sie belasteten außerdem die Bauern zusätzlich.
 

Städtische Konflikte

In den entstehenden Städten des 11. und 12. Jh. war die Herrschaft des Stadtherrn ähnlich umfassend wie auf dem Lande: persönliche Abhängigkeit mit entsprechenden Abgaben und Diensten, eingeschränkte Freizügigkeit, begrenztes Besitz- und Erbrecht, keine Selbstverwaltungs- und Gerichtskompetenzen. Dies alles war jedoch für die neue, nichtagrarische Wirtschaftsweise des Handels und des Handwerks hinderlich. In zahllosen Konflikten mit den Stadtherren errangen vor allem die größeren Städte Rechte und Freiheiten. So wurde z.B. in vielen Städten der Bischof aus der Stadt vertrieben. In diesen Auseinandersetzungen bildete sich auch die Stadtgemeinde heraus.

Im 14. und 15. Jh. lassen sich etwa 200 innerstädtische Unruhen in ca.100, meist größeren Städten des Deutschen Reichs feststellen. Anlaß zu diesen Bürgerkämpfen gaben meist die tatsächliche oder vermeintliche Mißwirtschaft bzw. der Amtsmißbrauch des nur von wenigen Familien (Patriziat) beherrschten Rates. Die oft blutigen Auseinandersetzungen führten häufig zu einer Beteiligung zusätzlicher Gruppen am Rat (z.B. der Zünfte). Daneben gab es in den größeren Städten weitere Konfliktherde, so z.B. zwischen Meistern und Gesellen oder zwischen Geistlichen und Bürgern im Streit um die Steuerfreiheit.

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